Angelika Würzner / Erlebtes einer Weltumsegelung

ITALIEN - PANAMA

 
   

Die Gänsehaut Insel



Juni 1993 – Trinidad and Tobago Yacht Club

 

Am 15. Juni hatten Horst und ich, aus dem fernen Thüringen kommend, wieder „angeheuert" und nach ein paar gemütlichen Tagen im Trinidad and Tobago Yacht Club will die Familiencrew heute in Richtung Venezuela auslaufen.
Zunächst hat aber eine nahe gelegene Insel unsere Neugier geweckt: CHAKACHACARE
Unter Seglern wenig bekannt, in kaum einem Handbuch erwähnt, von den Einheimischen gemieden, mit einem Wort: geheimnisvoll!
Von der Bevölkerung Trinidads erfährt man wenig über diesen Ort. Die Menschen setzten keinen Fuß auf die unbewohnte Insel und selbst von unserem indischen Freund Patrick erfahren wir nur, dass Chacachacare eine Leprastation beherbergte, aber 1988 sei die Insel fluchtartig geräumt worden. Immer wenn man das Gespräch auf diese Insel bringt, bekommt man nur karge, ausweichende Antworten. Das heizt natürlich die Phantasien des Skippers an, also: Anker hoch und los!
Unsere Fahrt aus dem Trinidad and Tobago Yacht Club beginnt mit der immer wiederkehrenden Prophylaxe: Alle Seekranken an Deck! Für Horsti wird an der mehr oder minder frischen Luft, es sind feuchte 36°C, eine Koje gebaut, er bekommt das obligatorische Zäpfchen und wird gut „verschnürt". Ich hole tief Luft und nehme mir den Spuckeimer.
Zum Kampf mit dem Gleichgewichtsorgan kommt noch das mulmige Gefühl bei dem Gedanken an unser geheimnisvolles Ziel. Der Himmel ist bewölkt, das Wetter schwül und diesig, also die absolut passende Kulisse für unsere Entdeckungsreise.
Wir erreichen die Insel nach einer ruhigen Fahrt. Tatsächlich sind wir allein. Kein Fischerboot, kein Sportboot, kein Segler. Langsam motoren wir in eine große Bucht. Am Fuße der bewaldeten Hänge sieht man mehrere verfallene Anlegestellen, die zu teils gut erhaltenen Häusern führen. Langsam gleitet die Septimius Severus an dem verlassenen Ufer entlang. Der Steg, in dessen Nähe wir ankern, ist etwa 10 Meter lang, betoniert und sieht noch recht stabil aus. Der Skipper macht sofort das Dinghy (Beiboot) klar und startet zu einer ersten Terrainsondierung. Ich beobachte seine Unternehmungslust mit gemischten Gefühlen und schaue mir die Umgebung mit dem Fernglas an. In üppiger, wild wachsender Vegetation verstecken sich einzelne Häuser. In Ufernähe sind sie größer, an den steilen Hängen der hufeisenförmigen Bucht stehen sie klein und vereinsamt. Das diesige Wetter und die unheimliche Ruhe in der Bucht lassen die ganze Szenerie unwirklich erscheinen. Ein paar Vögel schreien, Geier kreisen – Hitchcock lässt grüßen!
Der Skipper kommt mit strahlendem Gesicht an Bord zurück und mir wird klar, dass ich einem Landgang nicht entgehen werde. Die erste Erkundungstour wollen wir zu dritt unternehmen. Horst lässt sich ohne Widerrede die Schwimmweste anlegen, ihm sind Landgänge immer recht, da schaukelt es nicht so. Mir geht es eigentlich ähnlich, aber heute überwiegt Unbehagen.
Wir steuern also auf den Steg zu, der, auch aus der Nähe betrachtet, noch verhältnismäßig stabil aussieht und krabbeln an Land. Das Ufer in Stegnähe schien früher auch befestigt, hier hatte aber das ständig an Land spülende Wasser die Zeichen der Zeit gesetzt. Zwischen ausgeschwemmten Betonteilen Reste von elektrischen Anlagen. Die einbetonierten Leitungsmasten sind vom Wasser unterspült worden und liegen wie umgeknickte Bäume am verwahrlosten Schrottstrand.
Die Anlegestelle führt direkt zu einem Gebäude, dessen vormalige Bestimmung unschwer zu erraten ist: Schreibtisch, Liege, Karteikästen, vereinzelte Patientenkarteiblätter – hier muss die Aufnahmestation gewesen sein. Gleich daneben eine Art Carport, unter dem die Reste eines völlig verrotteten Jeeps stehen. Alles zugewachsen – Urwald. Ich spüre meinen Puls im Hals schlagen, meine Phantasie schlägt Purzelbaum, jetzt fehlt nur eines: die lepröse Hand, die sich von hinten auf meine Schulter legt... (Fortsetzung folgt)

 




Krankenstation im Urwald

 

 

 

Behandlungsraum

 

 

 

Der Anlegsteg von Chakachacare

Blinder Passagier



1993 im Hafen von Cumana / Venezuela

 

Im Hafen von Cumana liegend, teilen wir seit Tagen mit einer oder einem Unbekannten unseren Proviant.
Vor allem Tomaten, aber auch Kekse, Brot und Obst verachtet der ungebetene Gast nicht. Nach drei Tagen zerrt der allmorgendliche Anblick kulinarischer Spurensuche an unseren Nerven. Die Größe der herumliegenden schwarzen Kügelchen und der Bissspuren im Obst lassen uns von Maus auf Ratte schließen. Nun hat es also auch Septimius Severus erwischt. Seit Beginn der Reise waren wir von kleineren und größeren „Haustieren" verschont worden und jetzt chartert gleich der gefräßigste Gast!
Sofort wird vom Skipper in Cumana-City eine Rattenfalle besorgt. Wir ködern am Abend mit Käse, Speck und Tomaten. Der nächste Morgen wird mit Spannung erwartet. Aha, Vegetarier! Die Tomatenstücke sind weg, Käse und Speck sind noch da, die Falle ist nicht zugeschnappt. 2 weitere Fallen werden gekauft und wir bestücken alle drei mit vegetarischen Leckerbissen. Schlechter Schlaf in der Nacht und steigende Neugier am Morgen. Ist etwas passiert und wenn ja, was? Salat weg, Tomate weg, Apfel weg – Ratte weg. Schwarze Kügelchen wohin das Auge reicht... Es ist einfach widerlich, vor jedem Frühstück die Pantry von Rattenkot zu befreien, aber abgesehen davon haben wir vor allem Angst, dass bald alle Kabel an Bord als Delikatesse entdeckt werden.
Der Skipper handelt: intelligente Ratten erfordern intelligente Fallen und nach ein paar Stunden ist eine humane Falle konstruiert, die einem exklusiven Rattenappartement gleicht. Mit einem reichhaltigen, vegetarischen Mal hoffen wir unseren Gast zum Umzug bewegen zu können.
Fünf Tage quält uns dieser blinde Passagier mit seiner Anwesenheit. In dieser Nacht schlafen wir kaum. Die Spannung, ob wir unseren schlauen Gast endlich überlisten konnten, treibt uns schon gegen 4.00 Uhr aus den Kojen. Vorsichtig schleichen wir in die Pantry... geschafft! Die Ratte schaut ängstlich in unsere erleichterten Gesichter. Der Skipper geht mit Ratte und Rattenwohnung von Bord und befördert das Tier weit draußen an der Hafeneinfahrt ins Wasser. Allerdings sind die Schwimmkünste der Ratte so sensationell, dass sie sekundenschnell wieder unter der Steganlage angekommen ist. Jetzt können wir nur hoffen, dass wir es nicht mit einer Rattenmutter zu tun hatten, die ihre unzähligen Kinder an Bord zurücklassen musste...
Mit großen Trichtern, den „Klettersperren", auf jeder Festmacherleine erwarten wir den kommenden Tag mit nervöser Spannung. Nichts. Kein unangenehmer Geruch, keine schwarzen Kügelchen, keine Bisswunden im Obst – ein herrlicher Morgen!

 




Rattenappartement

W(H)eiße Weihnacht



Dezember 1993 – Venezuela

 

24. Dezember 1993. Seit zwei Tagen liegen wir im Golf von Caracio und erwarten eine Weihnachtsstimmung. Bisher hat sie sich nicht eingestellt. Wie sollte sie auch, bei 34°C, Palmen, badefreudigen Venezulanern und übermäßig lauter Musik aus dem nahe gelegenen Maigualida-Club. Wir haben Mühe, mit unseren Weihnachtsliedern vom Kassettenrekorder gegen die Phonstärken der heißen Rhytmen aus den Clublautsprechern anzukämpfen.
Es ist 16.00 Uhr, der Skipper bastelt noch immer am streikenden Lombardini-Generator und unser schönstes Weihnachtsgeschenk wäre, dass dieser durch gleichmäßiges Tuckern eine gelungene Reparatur anzeigt. Der Generator ist aber auch nicht in Stimmung, außer einem völlig verschwitzt und verschmiertem Skipper kein wesentliches Resultat. Horstis Kommentar: „Lombidini is Seise"! Lachend und zugleich fassungslos nehmen wir zur Kenntnis, dass wir in der Wahl unseres Wortschatzes bisher wenig auf Vorbildwirkung geachtet haben
Die Reparatur des Generators wird vom entnervten Skipper erst einmal eingestellt. Meine Nerven liegen auch blank, da ich seit Stunden vergeblich die Lichterkette für den Mast suche.
Doch die fortwährende Wiederholung von „Leise rieselt der Schnee...", „...Kommet ihr Hirten...", „Oh, du fröhliche..." etc. hat trotz Anspannung und Hitze langsam Wirkung gezeigt und uns wird etwas weihnachtlicher. Lichterkette gefunden, alle frisch geduscht, rein in die Weihnachtskluft und ab an Land zum Abendbrot. Im Maigualida –Club dröhnt die Band. Der Lärm ist ohrenbetäubend und wir werfen uns am Tisch nur schreiend die wichtigsten Wortfetzen zu. - Stille Nacht, heilige Nacht !!!
Trotzdem genießen wir den Abend in der Gewissheit, ein außergewöhnliches Weihnachtsfest zu feiern. Als wir mit dem Dinghy in der Dunkelheit zum Schiff zurück fahren, strahlt vom Mast ein riesiger Lichterkettenbaum und auch unter Deck brennen schon die Kerzen an unserem Miniweihnachtsbäumchen. Ein guter Geist muss sie wohl angezündet haben, als Horst und Mama im Club gerade eine Tanzrunde drehten. Nun ist sie da, die gemütliche Weihnachtsstimmung!
Der Skipper will noch einmal an Land, ein Bier trinken, Horst und ich wollen aber lieber an Bord bleiben und auf den Weihnachtsmann warten. Und tatsächlich, als wir nach einer Weile an Deck gehen ruft oben aus dem Mast eine tiefe Stimme nach Horsti Koerner. Da ist er endlich, der sehnlichst erwartete Weihnachtsmann, noch ganz außer Atem von dem langen Flug aus Europa hierher und viel zu warm angezogen. Im wahrsten Sinne des Wortes „vom Himmel hoch", ruft er uns „Fröhliche Weihnacht" zu. Wie schade, dass der Papa das nicht miterleben kann. Horsti sagt zum Weihnachtsmann „komm runter" und führt ihn unter Deck. Da steht er nun und wir können ihn ganz genau anschauen: sein roter Jogging Anzug erinnert zwar sehr an den vom Papa, seine rote Zipfelmütze sieht aus wie eine Wintermütze vom Horst, sein dichter Rauschebart und seine Augenbrauen sehen nach Watte aus der Bordapotheke aus, aber nein, alles Quatsch, es ist wirklich der Weihnachtsmann. Bevor er nun Horst die obligatorischen Fragen übers Artigsein stellen kann hat der schon den großen blauen Sack entdeckt, den der Weihnachtmann über der Schulter trägt und sagt kurz und bündig: „Sitze hin, packe aus!" Der weitgereiste alte Mann ist ziemlich verblüfft. Keine langen Reden, hier geht's zur Sache und die Geschenke werden ausgepackt. Noch eine Frage nach dem Papa, Horst zeigt an Land und dann ist nur noch die Lego-Kiste von Bedeutung. Der Weihnachtsmann will schnell weiterfliegen, um noch anderen Kindern Freude zu bringen. Er wird verabschiedet und kaum ist er weg, hören wir das Dinghy heranbrausen. Horst erzählt ganz aufgeregt, was in Papas Abwesenheit an Bord passiert ist, schade, dass er den Weihnachtsmann verpasst hat. Der Wattefetzen, der noch an Papas Kinn klebt, wird in der allgemeinen Weihnachtsfreude übersehen.

 




Maschinenraum

 

 

 

Weihnachten in Cumana

WELTUMSEGELUNG

PANAMA- ITALIEN





 

 

 

 

 

 


ERSTVERÖFFENTLICHUNG: MAI 2006

LETZTE ÄNDERUNG: 5. SEPT. 2015